Kurz mal Geschichte erleben!

Das Erbe der Speerwerfer

Die Geschichte unserer Ausflugsregion beginnt in der Altsteinzeit vor knapp 300 000 Jahren, lange bevor in Ägypten die Pyramiden gebaut wurden oder das Rad erfunden wurde. Dort, wo viele Jahrtausende später Schöningen gegründet werden würde, streiften riesige Waldelefanten, Mammuts und Nashörner durch eine weite, sumpfige Steppenlandschaft. 

Doch inmitten dieser archaischen Idylle geschah etwas Revolutionäres. Im Schutz des Schilfs entlang der weitläufigen Sumpflandschaft bewegten sich aufrecht gehende Gestalten, die zwar im Vergleich zu den pflanzenfressenden Riesen ihrer Zeit winzig waren, jedoch mit einem völlig neuen Werkzeug bewaffnet waren - dem Verstand.

An der Stelle, wo bis vor wenigen Jahren noch Kohle gefördert wurde, fertigte damals der Homo heidelbergensis die erste nachgewiesene High-Tech-Waffe der Menschheit. Mit Feuer und Steinwerkzeugen schälten sie das harte Holz, balancierten es perfekt aus und schufen die heute weltbekannten Schöninger Speere, die in ihrer Qualität modernen Wettkampfspeeren in nichts nachstehen.

Dass wir diese archäologischen Wunderwerke heute noch bestaunen können, verdanken wir einem geologischen Glücksfall: Die Speere landeten bei einer Jagd im Morast eines urzeitlichen Gewässers und wurden von den umliegenden Sedimenten verschlossen. Dank diesem hermetischen Luftabschluss kam es niemals zur Verrottung und die Speere ruhten hunderttausende von Jahren in einer Art Zeitkapsel, bis sie im Tagebau Schöningen in den 1990er Jahren wieder ans Tageslicht gebracht wurden.

Kaiser & Narren: Ostfalens Blütezeit im Mittelalter

Als die Spuren der eiszeitlichen Jäger längst unter tiefen Erdschichten begraben waren, erwachte im 8. Jahrhundert eine neue Ära, die unsere Region zum pulsierenden Herz des feudalen Europas machen sollte. Erstmals tauchte in Chroniken nun der Name “Ostfalen” auf – die Geburtsstunde einer Herrschaft und späteren Kulturlandschaft, die sich in einem weiten Bogen zwischen Harz und Heide entfaltete. Zwischen den blutigen Sachsenkriegen Karls des Großen und dem Glanz kaiserlicher Dome im Hochmittelalter wurde die Region rasch zur Bühne imperialer Machtpolitik im Heiligen Römischen Reich.

Auf diesem geschichtsträchtigen Boden wurzelten die Stammbäume derer, die Kronen trugen und Reiche lenkten. Namen wie Heinrich I. und Otto der Große machten Ostfalen zum Machtzentrum innerhalb des Reiches und legten die frühesten Grundlagen für ein spezifisch deutsches Zusammenhaltsgefühl, losgelöst vom alten karolingischen Frankenreich. Auch spätere Dynastien hinterließen ihren Stempel in der Region. Der Süpplingenburger Kaiser Lothar III. schuf mit dem prachtvollen Kaiserdom in Königslutter ein bis heute beeindruckendes Zeugnis seiner Macht, und auch die ungestüme Energie von Heinrich dem Löwen und der Einfluss stolzer Frauen wie Gertrud von Haldensleben prägten das Antlitz der modernen Ausflugsregion, in der Burgen und Klöster wie Pilze aus dem Boden schossen.

Doch das mittelalterliche Ostfalen hatte noch ein anderes Gesicht, war es schließlich auch die Heimat des berühmtesten Narren der Weltgeschichte: Till Eulenspiegel. Während Kaiser und Herzöge um Einfluss kämpften, hielt Eulenspiegel der Gesellschaft den Spiegel vor. Mit Witz, List und einer gehörigen Portion Respektlosigkeit brachte er die Standesunterschiede ins Wanken und bewies, dass ein scharfer Verstand mächtiger sein kann als das schärfste Schwert.

Braunkohle, Motor des Fortschritts

Mit dem Zeitalter der Industrialisierung begann ein neues Zeitalter im Gebiet der modernen Ausflugsregion, die damals aufgeteilt war zwischen den braunschweigischen Gebieten der Welfen und den preußischen Gebieten der Hohenzollern. 1725 wurde erstmals Kohle in der Nähe von Frellstedt gefunden, doch der industrialisierte Abbau im großen Stil begann erst knapp 150 Jahre später rund um Helmstedt und Schöningen. Wo einst Bauern ihre Pflüge zogen, gruben sich nun gigantische Bagger in die Tiefe. Die Kohle des Helmstedter Reviers wurde rasch zum Motor der norddeutschen Stahlindustrie und ermöglichte auch den Aufstieg der Eisenbahn. 

Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Revier zu einem Ort geopolitischer Kuriositäten. Die neue innerdeutsche Grenze verlief nur wenige hundert Meter von den Abbaukanten entfernt und trennte die Kohlegruben in der britischen Besatzungszone vom nun sowjetisch kontrollierten Kohlekraftwerk in Harbke, was große Teile Nordwestdeutschlands mit Energie belieferte. In einer bizarren Symbiose über die Grenze hinweg musste das Revier dennoch weiter funktionieren, um große Teile Niedersachsens vor dem Blackout zu bewahren.

Geteiltes Deutschland hautnah